(Fr)Essanfälle

Wenn es dunkel wird und ich allein bin, dann kommen sie manchmal. Wenn die Last auf den Schultern über den Tag ein paar Gramm zu schwer wird. Das Gefühl, hintergangen worden zu sein, ausgeschlossen zu bleiben, Einsamkeit, ein harter Arbeitstag, schlimme Ereignisse in der Familie, Selbstvorwürfe. Dies sind die Zaubersprüche, die sie heraufbeschwören.

Dann ist das restliche Stück Pizza fällig und die Kekse im Süßigkeitenloch schreien nach mir, die Pistazien daneben stimmen in den Sirenenchor mit ein und das Eis im Kühlschrank ruft, dass es ihm hier zu kalt und dunkel ist. Ich will ja nur helfen.
Essen will gegessen werden. Ich esse sie alle. Bin ich denn nicht gut?

Das ist kein Heißhunger, das ist pure Sucht.

Ein Trinker greift zur Flasche, ein Raucher zur Zigarette, ich greife zum Essen. Wie eine Süchtige. Das Dilemma jedoch ist, ein Trinker kann aufhören zu Trinken, ein Raucher kann zu Rauchen aufhören. Aber ein Esser, der kann mit dem Essen nicht aufhören. Denn essen, das muss man ja dennoch irgendwie.

Ich esse bis mir schlecht ist.

Es fühlt sich an wie eine Misshandlung meines eigenen Körpers, nur dass ich mich nicht selbst dafür anzeigen kann. Ich bin Täter und Opfer zugleich.

Ich weiß, dass es zu viel Essen ist, was ich mir einverleibe, aber aufhören? Das geht nicht. Eine Stimme aus dem Bewusstsein drängt mich dazu, weiter zu essen. Sie meint es gut. Sie will mich beruhigen. Sie will die harten Gefühle betäuben, damit ich einen Moment Ruhe vor ihnen habe. Das was folgt wird nicht beruhigend sein, aber das ist noch so weit weg. Der Moment ist voller Zufriedenheit.
Das Gefühl des Essens im Bauch ist es jedoch nicht, was zufrieden macht, sondern der reine Prozess des Essens ist es. Das Essen im Mund zu haben, es zu kauen, zu zerkauen.

Es scheint, als würde man die Gefühle damit ebenso zerkleinern und runterschlucken.

Und danach?
Liegen einem sowohl Emotion als auch Essen schwer im Magen.
Sie tun weh. Immer noch. Der Körper fühlt sich schwer an. Kraftlos. Willenlos.
Der Kopf produziert Fragen. Diesmal eine andere Stimme.

Warum hast du das getan? Was hast du angerichtet?

Ich überhöre sie. Die Fragen zu beantworten bringt mich nicht weiter. Nur weiter zurück in die Vergangenheit, als die Gefühle noch brannten.
Jetzt sind sie runtergespült. Sie wurden vielleicht mit der Masse verdaut, vielleicht aber auch nicht, wer weiß das schon. Sind sie jetzt in den Reserven an Bauch und Oberschenkel gespeichert. Nicht nur Fett, auch Gefühl? Ich sehe an mir herunter. Trage ich meine Vergangenheit also immer noch mit mir herum?

Ich begreife. Es ist kein Essen, es ist Gefühlsbewältigung. Mein Körper will das ganze Essen nicht, er wehrt sich mit jeder Faser. Mit Übelkeit. Mit Schmerzen. Aber er hält es noch aus. Jedes Mal. Er schickt es nicht zurück.

Er gibt sich Mühe, all den gegessenen Unsinn zu verwenden, aber er weiß nicht wofür. Eis? Kekse? Pistazien? Ab in die Speicher, das kann ich hier nicht gebrauchen! Hauptsache weg.

Hauptsache weg. So wie das Gefühl.

Gefühle sind zunächst unsichtbar. Sie wollen aber sichtbar werden. Egal wie.
Wenn sie nicht auf dem Gesicht zu lesen sind oder auf der Zunge getragen werden, dann gehen sie unter die Haut. Versteckt und trotzdem zu erkennen. Unheimlich.

Abschließend immer wieder diese leisen Fragen. Was wird jetzt aus mir? Werde ich zunehmen? – Mit Sicherheit. Aber ich will es nicht. Ich will es rückgängig machen, alles ungeschehen. Aber das geht nun nicht mehr. Es ist zu spät jetzt. Es ist gegessen.

Die Anfälle beruhigen nur für ein paar Minuten und beunruhigen für den restlichen Teil meines Lebens.

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2 Gedanken zu “(Fr)Essanfälle

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